Mitten im weitläufigen Janko-Kráľ-Park in Bratislava erhebt sich ein ungewöhnliches gotisches Bauwerk, das auf den ersten Blick wie eine romantische Parkarchitektur des 19. Jahrhunderts wirkt. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein wesentlich älteres Architekturfragment: Der Turm gehörte ursprünglich zur Franziskanerkirche in der Bratislavaer Altstadt. Er entstand im 15. Jahrhundert und befand sich über dem Kreuzgang an der Südseite der Kirche. Als Baumeister wird Michael Chnab genannt. Die schlanke Konstruktion mit Spitzbögen, Maßwerk und reich gegliederten gotischen Schmuckformen prägte über Jahrhunderte das Erscheinungsbild des mittelalterlichen Kirchenkomplexes.

Mehrere Erdbeben setzten dem Bauwerk im Laufe der Zeit stark zu, sodass sich sein baulicher Zustand im 19. Jahrhundert zunehmend verschlechterte. Schließlich wurde der historische Turm abgetragen und an der Franziskanerkirche durch eine neugotische Konstruktion nach Plänen des Architekten Friedrich Schulek ersetzt. Zahlreiche originale mittelalterliche Steinteile konnten dabei jedoch erhalten werden.

Eine besondere Wendung nahm die Geschichte des Turms im Jahr 1897. Die erhaltenen Bauteile wurden von der Ersten Pressburger Sparkasse erworben und nach Plänen des Architekten László Gyalus im Janko-Kráľ-Park zu einem freistehenden Gartenpavillon zusammengesetzt. Für den Transport wurden die einzelnen Teile über die Kaiser-Franz-Joseph-Brücke auf die südliche Donauseite gebracht und dort wieder aufgebaut. Dabei wurden die originalen gotischen Steine in die neue Konstruktion integriert.

Heute zählt der Turm zu den markantesten Bauwerken des Janko-Kráľ-Parks. Seine großen offenen Spitzbogenarkaden und das durchbrochene Maßwerk verleihen ihm den Charakter eines romantischen Gartenpavillons, während die erhaltenen mittelalterlichen Bauteile noch deutlich auf seine ursprüngliche kirchliche Funktion verweisen. Das Bauwerk steht als Nationales Kulturdenkmal unter Schutz.

Auch seine Umgebung ist von großer historischer Bedeutung. Der Janko-Kráľ-Park wurde bereits zwischen 1774 und 1776 am rechten Donauufer angelegt und gilt als einer der ältesten öffentlichen Parks Mitteleuropas. Der gotische Turm kam somit erst mehr als hundert Jahre nach der Entstehung des Parks hinzu, entwickelte sich jedoch zu einem seiner bekanntesten Wahrzeichen. Heute verbindet er auf besondere Weise zwei unterschiedliche Kapitel der Bratislavaer Stadtgeschichte: die mittelalterliche Architektur der Altstadt und die Entwicklung des gegenüberliegenden Donauufers zu einer öffentlichen Parklandschaft. Zugleich ist er ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie historische Bauteile im 19. Jahrhundert nicht einfach verloren gingen, sondern an einem neuen Ort zu einem eigenständigen Denkmal zusammengesetzt wurden.

Objektfotos
Niederösterreich 3D - Bratislava - Gotischer Turm
Niederösterreich 3D - Bratislava/Pressburg - Gotischer Turm

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